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Urzeitkrebs Triops überlebte selbst die Dinosaurier

Das Naturschutzgebiet Lange Dreisch und Osterberg beherbergt Arten, die es weithin nur hier noch gibt

Hildesheim (ha). Im Naturschutzgebiet zwischen Osterberg und Mastberg hat der Herbst Einzug gehalten. An den Waldsäumen leuchten in kräftigem Rot die Hagebutten der Wildrosen, ein paar Ackerhummeln klappern auf der Suche nach Nektar die letzten Blüten der Stacheligen Kratzdistel ab und in den Lüften drehen Turmfalken in der Hoffnung auf einen fetten Happen vor dem entbehrungsreichen Winter unermüdlich ihre Kreise.
 
Das fast 300 ha große Areal zwischen Giesen und Himmelsthür. Innerste und Emmerke gehört zu den vielfältigsten und kostbarsten Lebensräumen in Niedersachsen. Denn über acht Jahrzehnte waren weite Teile militärisches Sperrgebiet - was sich aus heutiger Sicht als wahrer Segen erweist, Für die Tier- und Pflanzenwelt gab es abgesehen von ein paar gelegentlichen Panzern kaum Störungen, auch Dünger, der den empfindlichen Halbtrockenrasen vernichten würde, blieb dem Boden erspart.
 
„Wir haben hier eine museale Landschaft» die dem Aussehen der Region vor dem Einsatz von Mineraldünger in der Mitte des 19. Jahrhunderts entspricht", sagt der Biologe Guido Madsack. Der Flurname Lange Dreisch, der schon in Karten von 1839 genannt wird, verrät, dass der sanfte Höhenzug gen Norden von je her wenig ertragreich war, denn Dreisch bedeutet nichts anderes als Brachland, das sich allenfalls als Viehweide eignete.
 
Im Erdmittelalter, in der Epoche des Trias vor 200 bis 240 Millionen Jahren, breitete sich hier ein flaches, subtropisches Meer mit Korallenriffen, Seelilien, Muscheln und Fischsauriern aus, das das gesamte Germanische Becken bedeckte. Die kalkhaltigen Überreste der Tiere sanken zu Boden, aus den Sedimenten entstand der Kalkstein, weil darin noch immer Versteinerungen zu erkennen sind, wird das Gestein Muschelkalk genannt.
 
Dass die Trias-Schichten heute wieder an der Oberfläche liegen, ist einem anderen Meer zu verdanken: Im Perm war die Region schon einmal von einem Urmeer bedeckt Als es verdunstete, stieg der Salzgehalt, bildete den Zechstein und baute den „Giesener Salzsattel" auf, dem die Region das Kalisalz verdankt. Im Laufe der Zeit drückten Zechsteinsalze an die Oberfläche, hoben dabei die darüber liegenden Trias-Schichten an, brachen sie auf und legten sie zu beiden Seiten wie ein aufgeschlagenes Buch offen.
 
Weil die Sedimente unterschiedlich hart sind, einige Wind und Wetter besser standhalten als andere, gibt es hier heute eine sanft modellierte Hügellandschaft, die für Geologen wie eine Reise durch die Erdzeitalter ist: An den höchsten Punkten sind nun die ältesten Formationen sichtbar, abfallend geht es auf wenigen Metern Strecke durch die Erdgeschichte; Buntsandstein, Muschelkalk, Keuper...
 
Einer, der schon da war, als die Gesteine entstanden sind, war der Kiemenfußkrebs Triops cancriformis, der als „lebendes Fossil" als die älteste noch immer existierende Tierart unseres Planeten gilt. Der nur wenige Zentimeter große, verletzlich wirkende Urzeitkrebs mit dem langen Gabelschwanz lebt in „temporären Tümpeln", Wasserlachen, die immer wieder austrocknen. Damit hält er sich Fressfeinde wie Fische vom Leib. Wenn das Wasser verdunstet, verliert auch er seinen Lebensraum. Damit die Art überlebt, muss er sich in wenigen Wochen entwickeln, obwohl sich der Krebs bis zu 40 Mal häutet, um wachsen zu können. Ehe die Pfütze eintrocknet, muss Triops seine Eier gelegt haben - die nun Jahrzehnte überdauern können. Denn wann sich die Pfütze wieder füllt, ist ungewiss.
 
In diesem eher feuchten Sommer waren die Entwicklungschancen günstig; Krebschen, groß wie Euro-Münzen, wühlen über den schlammigen Grund und hüllen sich dabei in eine Wolke aus Schwebstoffen, die sie für Feinde fast unsichtbar macht. In Norddeutschland gibt es für Triops nur noch diesen einen Ort - und das hat er ausgerechnet den Panzern zu verdanken, die beim Fahren immer neuen Mulden buddelten und mit ihren Ketten die Eier über das Gelände verteilten.
 
Schafe auf dem OsterbergDie genügsamen Schafe sorgen dafür, dass der empfindliche Halbtrockenrasen nicht von Büschen überwuchert wird. Fotos: Marita Zimmerhof
Was Triops im Tierreich, ist im Pflanzenreich das Salzhasenohr Hier hat der seltene, unscheinbare Doldenblütler sein größtes Vorkommen in Niedersachsen. Sein Trick: Er wächst da, wo es anderen zu mager ist. Eine weitere botanische Rarität ist ein wachsender Bestand des Deutschen Ziest, der auf den trockenen, warmen Hängen der Kalkböden bestens gedeiht. Die pelzigen Blätter verhindern, dass die Pflanze im Sommer zu viel Feuchtigkeit verliert. Der Dornige Hauhechel, ein Schmetterlingsblütler, der noch immer in schönster Blüte steht, hat eine andere Uberlebensstrategie entwickelt: Er bildet lange Dornen, die selbst die genügsamen Schafe und Ziegen vergraulen. Als „düngerfliehende" Art hat der Hauhechel hier seinen weithin größten Bestand. Mehr als 2.000 Tier- und Pflanzenarten haben Naturkundler im Naturschutzgebiet nachgewiesen. Die Bienenragwurz-Varietät bicolor, eine Orchideenart, gibt es nur hier Ihre Blüte ist vorbei, doch selbst jetzt ist der Halbtrockenrasen noch eine kunterbunte Blumenwiese. Und zwischen all der Blütenpracht springen Grashüpfer, summen Bienen, flattern Falter Noch ist der Vertrag nicht unterschrieben, aber Ziel ist, dass die Paul-Feindt-Stiftung des Ornithologischen Vereins der Gebiet in ihre Obhut nimmt, um es für künftige Generationen zu erhalten.
 

Interview

Bagger und Schafe sind die wichtigsten Helfer

Hildesheim. Immer wieder werden Befürchtungen laut, dass durch den Status Naturschutzgebiet die Menschen aus dem landschaftlich reizvollen Gelände vertrieben werden könnten. Die HAZ sprach darüber mit dem Biologen Guido Madsack von der unteren Naturschutzbehörde der Stadt.
 
HAZ: Welche Rechte werden Besucher künftig in dem Gebiet haben?
 
Madsack: Die Bürger sollen keinesfalls ausgeschlossen werden. Im Gegenteil: Bestehende Wege bleiben erhalten» werden vielleicht mit Findlingen noch deutlicher gekennzeichnet und als Rundwege zu den schönsten Stellen und Ausblicken führen. Allerdings sollte man nicht quer durchs Gelände gehen, und man muss Hunde ganzjährig an der Leine führen. Auf diese Weise werden die wichtigen Ruhezonen für die Kinderstube der Tiere oder das Überleben der Tiere in der Notzeit im Winter geschützt. Die Natur wird das mit höherer Artenvielfalt und damit größerer Erlebnisqualität danken.
 
HAZ: Wird das Gebiet künftig wirtschaftlich genutzt?
 
Madsack: Durch die Übertragung der Fläche an die Stiftung wird von der Bundesforst im Forstamt Wense der wirtschaftliche Druck genommen, aus dem Gebiet Gewinne aus dem Holzeinschlag zu erwirtschaften. Ohnehin sind von rund 300 ha nur 50 bis 60 % bewaldet So wurden in den 50er Jahren Kiefern gepflanzt, die hier standortfremd sind. Mit der Zeit sollen die Schwarz- und Waldkieferbestände bis auf wenige markante Solitärbäume zugunsten der hier typischen Eichen-Hainbuchenwälder verschwinden.
 
HAZ: Kann das Gebiet künftig sich selbst überlassen werden?
 
Madsack: Die Schaf- und Ziegenherden werden weiterhin als wichtigste Helfer für den Naturschulz gebraucht, um eine Vertuschung der artenreichen Weideflächen zu verhindern, Außerdem haben früher die Panzer mit ihren Ketten immer wieder neue Tümpel gegraben und damit Lebensraum für den Urzeitkrebs oder auch seltene Libellen geschaffen. Im kommenden Winter werden nun Bagger für den Erhalt und die Wiederherstellung der Tümpel zum Einsatz kommen.
 
Interview. Marita Zimmerhof
 
Guido MadsackGuido Madsack kennt die Besonderheiten dieses Naturschutzgebiets seit vielen Jahren. "Es ist eine Perle gleich vor den Toren der Stadt".
Chronik des Naturerbes (ha)
 
• Von 1937 und 2007 ist das heutige Naturschutzgebiet Lange Dreisch und Osterberg militärischer Übungsplatz.
 
• 2004 meldet die Naturschutzbehörde der Stadt Kenndaten des Gebietes an eine nationale Erfassungsstelle. Die Daten gehen weiter bis zur EU, die das Areal als Floren- und Faunen-Habitat, FFH, registriert und in das europäische Schutzgebietssystem „Natura 2000" aufnimmt.
 
• 2005 einigt sich die Koalition in Berlin darauf, bis zu 125.000 ha staatliche Flächen aus dem Eigentum der Bundesrepublik, die einen besonderen ökologischen Wert haben, unentgeltlich an die Länder, die Deutsche Bundesstiftung Umwelt oder andere Naturschutzträger zu übertragen. So soll „Nationales Naturerbe" (NNE) für künftige Generationen erhalten werden.
 
• 2007: Die Stadt Hildesheim, die Gemeinde Giesen und der Landkreisentwickeln ein interkommunales Konzept für die Nachnutzung des Militärgeländes, das als Grundlage für die Übertragung nach den NNE-Vorgaben dient.
 
• 2007: Die Paul-Feindt-Stiftung erwirbt das elf Hektar große Munitionslager, um Fledermausquartiere anzulegen.
 
• 2008 wird auf dem Gelände ein Info-Pavillon als erster Baustein des ,,Naturerlebnisgebiets Kleeblatt" eröffnet, Kleeblatt deshalb, weil vier Biotope wie ein Kleeblatt aneinander stoßen: Erdzeitreise auf den Giesener Bergen, Wasserwald im Haseder Holz, offene Weide am Osterberg und Weidewald am Mastberg.
 
• 2010 erscheint eine Dokumentation, die die Artenvielfalt dieses Raums dokumentiert Erstellt wird sie von der Paul-Feindt-Stiftung, weiteren Ehrenamtlichen, der Naturschutzbehörde.
 
• 2011: Mit einer Verordnung sichert die Stadt die 245 ha auf städtischem Gelände als Naturschutzgebiet „Lange Dreisch und Osterberg". Verhandlungen zur Gebietsübertragung vom Bund auf die Paul-Feindt-Stiftung laufen, (ha)
 
Triops cancriformisEr ist der Star: Der Urzeitkrebs Triops cancriformis, der schon zu Zeiten der Dinosaurier existierte. Keine andere Tierart ist älter
HagebuttenDie leuchtenden Hagebutten künden den Herbst an im Naturschutzgebiet Lange Dreisch. Sie sind die Früchte der Wildrosen.
OsterbergIn den Giesener Bergen wird es richtig steil. Vorbei an Büschen, die von Waldreben überwuchert sind, geht es hinunter nach Emmerke.
Der Dornige HauhechelDer Dornige Hauhechel, ein Schmetterlingsblütler, schützt sich mit Dornen vor hungrigen Mäulern.
OsterbergVon den Anhöhen reicht der Blick weit hinaus in die Hildesheimer Börde. Die Kiefern sind allerdings nicht standorttypisch.
Der Deutsche ZiestDer Deutsche Ziest, ein Lippenblütler, ist eine zweijährige kraütige Pflanze. Die pelzigen Blatter schütten vor Verdunstung.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
© Hildesheimer Allgemeine Zeitung
 
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